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 | Schwingtüren ins Paradies |  |
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| Einem Europäer erscheinen die Cantinas in Mexiko auf den ersten Blick wie eine Mischung aus Imbiss, Sauflokal und Vereinsheim. Nicht ganz zu Unrecht: Die Philosophie hinter einer Cantina ist einfach und relativ profan: Man will dem Gast auf eine verlockende Weise zum Vollrausch verhelfen. Doch die Beziehung der Mexikaner zu ihren Cantinas ist nahezu sakral. Mexikaner lieben ihre Cantinas mit derselben Inbrunst wie ihre ornatbeladenen Kirchen. Für einen echten Mexikaner hat der Kollektivsuff in der Cantina den gleichen gesellschaftlichen Stellenwert wie ein Hochamt für die Jungfrau von Guadalupe. |
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Touristen meiden die Cantinas zumeist. Der Lärm, der Bierdunst und die dicke Luft, die einem aus einer Cantina entgegenschlagen, schrecken zartbesaitete Besucher aus dem Ausland ab. Dazu kommen die bohrenden Blicke der Gäste, die jeden Neuankömmling einer intensiven Prüfung unterziehen: Ist er eingliederungsfähig in die Gemeinschaft, kann er vor den ehernen Gesetzen bestehen? Hier ist Mut gefragt. Denn wer sich einmal mit dieser unvergesslichen Institution eingelassen hat, wird sein Leben lang Sehnsucht nach Mexiko verspüren. Allein im Großraum Mexiko City mit seinen 30 Millionen Einwohnern gibt es Tausende von Cantinas, in denen mit Lust und Liebe ganze Vermögen zum Wirt getragen werden. Sie alle sind bereits tagsüber voller Gäste. Eine Cantina ist für einen richtigen Mexikaner Arbeitsplatz, Clubraum und Hauptwohnsitz in einem. Schon vormittags während der Arbeit fiebert ein Mexikaner der Mittagspause entgegen, in der die Gläser in der Cantina zu klirren beginnen. Diese Mittagspausen ziehen sich dann ganze Stunden hin und münden meistens direkt in den Feierabend. Wenn man in Mexiko einen beliebigen Angestellten telefonisch zu erreichen versucht, wird einem von der Sekretärin mitgeteilt, dass Señor Soundso gerade in einer Besprechung sei. Dies ist keine Lüge. Señor Soundso ist in der Tat in einer Besprechung: In der nächsten Cantina nämlich, zusammen mit seinen Gesprächspartnern, den Señores Saufkumpanen. Ab sechs Uhr abends - wenn keine Gefahr mehr besteht, dass außerhalb der Cantina noch Arbeit lauern könnte - nimmt das Bemühen ab, dem Zusammensitzen einen berufsorientierten Anstrich zu geben. Dann löst sich die Stimmung und steuert enthemmten Höhepunkten entgegen. Wie hat man sich eine klassische Cantina vorzustellen? Der erste große Unterschied zu europäischen Bars ist der kulinarische Aspekt: In Cantinas gibt man dem trinkenden Gast umsonst zu essen, soviel er will. Man kalkuliert nämlich mit Recht, dass der immense Durst des Gastes diese Großzügigkeit makroökonomisch wieder ausgleichen wird. Zu jedem Glas servieren die Ober "Antojitos", kulinarische Spezialitäten, auf gut Bayerisch "Schmankerl": Beim ersten Glas gibt es zum Beispiel Maissuppen, Gemüsebouillons oder Meeresfrüchte-Crémes. Mit dem zweiten Glas werden Feldsalate, Weinbergschnecken oder Muschelcocktails aufgetischt. Dann serviert man gefüllte Chili-Schoten, Hähnchen-Rouladen oder Fleischbällchen. Im vierten Durchgang werden schließlich Schweinehaxen, Filets in herzhaften Soßen oder knusprig gegrillte Steaks mit schmackhaften Beilagen aufgetragen. Kurz: Wer Hunger hat, ist in einer Cantina im Schlaraffenland. Aber so essentiell die Verköstigung auch ist, das wichtigste in der Cantina ist das Trinken, genauer: der Rausch. Dieser hat in Mexiko eine lange Tradition. Schon die Azteken waren orgiastischen Festen zugetan: Bei zeremoniellen Anlässen berauschten sie sich mit Cocktails aus vergorenem Kakteensaft, den sie Pulque nannten. 400 Pulque-Götter, jeder für eine bestimmte Klasse der Betrunkenheit, wurden bei den Azteken verehrt. Dann kamen die spanischen Eroberer: Sie brachten die Schenke, den Wein und - das Wichtigste! - die gerade erfundene Destillierblase für hochprozentigen Alkohol mit sich. Aus Angst vor Aufständen verbot die spanische Verwaltung den Indianern das Brennen von Alkohol. Doch die Indianer schauten sich die Technik der Destillation einfach ab und begannen im Geheimen, die Spirituosen herzustellen, die heute unerläßlicher Grundstoff für die authentische Cantina-Erfahrung sind: Tequila, Mezcal und Rum. |
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Versuchen wir, den Prototyp dieser Saufpaläste zu beschreiben! Eine Cantina betritt man durch zwei Schwingtüren, die im Interesse aller Gäste den Blick der vorbeigehenden Passanten ins Allerheiligste verbergen. Wenn man die Schwingtüren aufstößt, gelangt man in einen quadratischen Raum, der so karg wie die Bühnengestaltung eines Theaterstücks von Beckett gehalten ist. An einer Seite der Wand ragt ein Tresen ohne Barhocker empor. Am Boden des Tresens läuft eine trockengelegte Pinkelrinne entlang - ein Residuum aus vergangenen Zeiten, als den Trinkern der Vollrausch definitiv wichtiger als die Hygiene war. Idealtypisch ist die Cantina mit einem grellen Neonlicht ausgeleuchtet, in dem die enthemmten Grimassen der Gäste mit äußerster Plastizität zu sehen sind. An der Wand der Cantina kann ein schlichter Farbdruck hängen, z.B. eine österreichische Gebirgslandschaft oder ein düster gehaltenes "Letztes Abendmahl". Wichtig für die emotionale Bindung an eine Cantina ist ein passender Name: El Lamento ("Das Wehklagen"), Los Cuates ("Die Kumpels"), La Perra Brava ("Die rauflustige Nutte") oder - mit augenzwinkernder Ironie - El Nivel ("Das Niveau") sind Namen, die den Neugierigen Lust auf einen Schnupperbesuch machen und den Alteingesessenen das Gefühl geben, einem exklusiven Orden mit programmatischem Anspruch anzugehören. Die Auswahl der Alkoholika in den Cantinas ist eingeschränkt. Meistens werden Bier, Tequila, Mezcal, Rum und Brandy getrunken. Es gibt auch Kreationen, die nur in einer bestimmten Cantina ausgeschenkt werden: In einer Hafen-Cantina in Veracruz war einmal ein sogenannter "originaler Bull" angepriesen. Der Barmann füllte einen Kelch mit Bier, Wodka, Rum, Brandy, Sherry, Anis- und Zuckerrohr-Schnaps. Lakonisch meinte er: "Wenn es Ihnen nicht stark genug ist, geben Sie mir bitte Bescheid!" José del Bosque, ein erfolgreicher Makler und passionierter Cantina-Besucher, erinnert sich schwelgerisch an eine andere Kreation in Nordmexiko: "In einer meiner Lieblings-Cantinas in Torreón schenkten sie sogenannte ‚Corris' aus, der Liter davon kostete lächerliche 5 Pesos. Der Barkeeper fragte jeden Gast: ‚Wieviel Blocks?' Gemeint war, wie viele Blocks wir auf dem Nachhauseweg zu gehen hatten. Er mischte dann die ‚Corris' so, dass man noch genau diese Blocks schaffte und danach betrunken ins Bett fiel. Er hat das wohl gemacht, damit man nicht auf seine eigene Ehefrau trifft, solange man noch bei Bewusstsein war." Schon allein aus klimatischen Gründen nimmt die Cantina leicht den Stellenwert des wirklichen Wohnsitzes ein. Denn wenn auf der Straße große Hitze herrscht, ist es in der Cantina dank einer Air-Condition oder zumindest mehrerer Ventilatoren angenehm kühl. Wenn im Winter die Nordwinde über die mexikanische Hochebene fegen, ist es in der Cantina wegen der Hitze-Abstrahlung der Trinker mollig warm. Zuhause mögen Frau und Kind warten, in der Cantina locken ungleich wichtigere Charaktere: "Die Saufbrüder in der Cantina sind ohne Zweifel deine zweite Familie", sinniert der Schriftsteller und Publizist Aurelio Asiain, der viele Jahre lang Octavio Paz' Privatsekretär war. "Deshalb sollten die Cantinas für die Gäste eigentlich Schlaflager am Boden haben." In der Tat sind manche Trinker, die wahren Galeonsfiguren des Alkoholismus, in der Cantina jeden Tag von mittags bis spät nachts anzutreffen. |
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Aber was in aller Welt tut man denn eigentlich in einer Cantina außer Essen und Trinken? Grundsätzlich kann man in Cantinas sehr vielen Beschäftigungen nachgehen. Man kann Geschäfte einfädeln oder vom Beruf abschalten. Man kann wortlos Dominosteine aufeinanderknallen oder seine Lebensbeichte ablegen. Man kann zusammen mit den Musikanten Lieder brüllen oder hochphilosophische Themen abhandeln. Man kann mit seiner Geliebten turteln oder sich in Schlägereien erproben. Man kann klagen, schwadronnieren, politische Losungen schreien, Schmähreden halten oder amouröse Abenteuer herausposaunen. All diese Tätigkeiten sind legitim - jedoch nur mit der gebotenen Aufdringlichkeit und Selbstüberschätzung. Es kommt darauf an, den unglaublichen Lärmpegel der Wortgefechte und der Musik zu übertrumpfen. Zwischen dröhnender Kraftmeierei und gefühlsduseliger Weinerlichkeit changieren alle Gefühlsäußerungen in der Cantina. Ein Fixpunkt im Kosmos der Cantina ist dabei das Thema der Freundschaft. Alejandro Carreón Freyre, ein Kenner der Materie, hat darüber geschrieben: "In den intensiven Momenten werden in der Cantina sehr starke Emotionen frei, die Handlungen werden manchmal so unkontrolliert, dass sie sich ins Extrem steigern. Zum Beispiel ‚die große Freundschaft': ‚Du bist wirklich mein Freund..., ja mein bester Freund..., doch du bist noch mehr als mein bester Freund, fast bist du mein Verwandter..., aber mehr, mehr als mein Verwandter bist du - mein Bruder, so wahr mir Gott helfe." Gegenüber äußeren Einwirkungen zeichnet die Gäste der Cantina eine große Gelassenheit aus: Wenn sie von einem Erdbeben überrascht werden, bleiben sie sitzen. Wenn Schüsse fallen, bestellen sie den nächsten Tequila. Wenn die Posaunen des Jüngsten Gerichts erschallen, stoßen sie miteinander auf die Gesundheit an. Doch die vermeintliche Gelassenheit der Gäste kann jederzeit in emotionale Explosionen umkippen. In Cantinas beschreitet man einen schmalen Grat zwischen Gemütlichkeit und Gefahr. Im grellen Licht entsteht leicht der Eindruck, man habe einem anderen Gast einen dummen Blick zugeworfen oder dessen weibliche Begleitung lüstern angeschaut. "In Cantinas", weiß der Gastronom Alejandro Escalante zu berichten, "existiert eine gewisse Lust, jemanden fertigzumachen. Ebenso gibt es einen Hass auf Fremde. Für die Bewohner Mexiko Citys ist es gefährlich, in der Provinz oder in Nordmexiko in Cantinas zu gehen. Generell kann die Cantina für jeden Fremden ein, sagen wir, sehr intensiver Ort sein." José del Bosque bestätigt dies offenherzig: "Ich habe jede Möglichkeit wahrgenommen, mich in Cantinas zu prügeln. Wenn's gerechtfertigt war, hat mir das immer gefallen. Einmal gingen wir in eine Cantina, um Musiker für eine Fenster-Serenate zu mieten, die ich am Morgen einer Frau singen wollte. Ich war sehr euphorisch in dieser Nacht, also schrie ich mitten in der Cantina den Gästen zu: ‚Fickt alle Eure Mutter! Und uns dazu, wenn Ihr Mut habt!' Ein Typ am Billardtisch hat mich herausgefordert. Ich ging also zu ihm hin, täuschte einen Schlag vor - ich hab da viel Praxis in so was! - und schlug ihm dann eine ins Gesicht, dass er dort, wo er vorher mit seinen Füßen stand, auf die Arschbacken fiel. Knock Out! Dann gab's eine Massenschlägerei, dass sogar die Billard-Queues herumflogen." Auseinandersetzungen in Cantinas sind ein Topos der mexikanischen Kulturgeschichte: In der Pracht-Cantina "La Ópera", einem Traum aus Edelholz, Plüsch und Messing, finden sich noch mehrere Löcher in der Decke, die der Revolutionsführer Pancho Villa bei einem Umtrunk zur Feier der Eroberung Mexiko Citys dort hineingeschossen hatte. Der Schlagerkönig Guty Cárdenas wurde 1937 in der Cantina "Salón Bach" während eines Streits erschossen, an dem er gar nicht beteiligt war. Beat-Poet William Burroughs erinnert sich, dass in den fünfziger Jahren Schießereien zwischen Polizisten und Gästen in Cantinas gang und gäbe waren. Dem exilspanischen Regisseur Luís Buñuel liefen kalte Schauder über den Rücken, als ihm bei einem Landausflug ein Bürgermeister mit einem Augenzwinkern über die dortige Dorf-Cantina aufklärte: "Jeder Sonntag fordert hier seine kleine Leiche." Was also tun, wenn ein Gast die Waffe zieht? "Sag ihm am besten: ‚Trink auf meine Kosten, was Du willst. Tu, was immer Dir gefällt!'", rät Aurelio Asiain. Alejandro widerspricht: "Nein, Du sagst: ‚Ich bin hier der, der befiehlt!'" |
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Das Lob der Cantina ist auch ein durchgängiges Thema aller Musikrichtungen Mexikos: Man höre nur die in erbarmungslosem Dur geschmetterte Cantina-Hymne "Das Leben ist ein Schnapsglas", in der ein fast manischer Ton angeschlagen wird: "Man soll mir bitte augenblicklich noch mehr Flaschen Schnaps servieren! / Kommen Sie doch bitte nahe an meinen Tisch heran! / Alle wollen wir zusammen ein Ambiente des Wahnsinns kreieren!" Cowboy-Bands wie Los Tucanes de Tijuana bringen das Cantina-Gefühl genauso treffend auf den Punkt: "In den Cantinas bin ich immer zu finden, / mit Frauen, Freunden und französischem Cognac. / Man soll uns noch einen ‚Remy' bringen, / damit das Kokain besser wirkt. / Mich schreckt der Tod nicht. / Wir alle werden sterben. / Bevor das Ende naht, / laßt uns Spaß haben." Doch auch Schmerz und der Demütigung können in der Cantina herrschen: "Vor Deinen Freunden hast Du geprahlt, dass ich Dich immer noch liebe, / Und dass ein ganzes Meer an Wein nicht genügt, Dich zu vergessen. / Es stimmt: Ich trank in der Cantina / und schrie laut deinen Namen, als ich schon völlig abgestürzt war", dichtete Teodoro Bello, einer der größten Komponisten Mexikos. Im Evergreen "Bohemio de Afición" heißt es: "Ich bin Bohemien aus Leidenschaft, ein großer Freund der Tresen. / Jede Nacht reißt mein Ankertau, steuerlos treib' ich dann herum. / Ein Ausschank der allerschlimmsten Art hält mich in seinen Klauen. / Was zählt, ist: Dort gibt's Wein, Gitarren und Frauen." Ganz gleich, was in den Cantinas live oder aus der Musikbox dröhnt - die bombastischen Streicher der Schlager, die Trompeten-Fanfaren der Mariachis, das apokalyptische Dschingdarassabum einer Banda - es spricht aus der Musik ein Geist, der in den Cantinas geschult und geschärft wurde. "Zutritt für Uniformierte, Verkäufer, Frauen und Hunde verboten" - so hieß es noch vor zwanzig Jahren auf Metallschildern am Eingang der Cantinas. Frauen wurden nicht geduldet, weil, wie José del Bosque beteuert, "sich die Männer durch deren Anwesenheit zu Recht angegriffen fühlen!" Heute haben sich zumindest in den Großstädten die Sitten gelockert, und Frauen werden manchmal regelrecht in die Cantinas verschleppt, um sie gefügig zu machen. Aurelio Asiain erläutert: "Wenn Du glaubst, dass Du Dich bei einer Frau am besten durch ein Gespräch profilieren kannst, bringst Du sie in eine Cantina. Du gibst ihr drei Tequilas, redest etwas von Liebe, und schon landest Du mit ihr im Bett." Doch die zentrale Mission der Cantina, unterstreicht Aurelio, ist metaphysisch: "Die Cantina ist ein Bindestrich im Leben. Hier erreichst Du eine totale Trennung von der Außenwelt. Man kann Dich mittags anrufen und Dir mitteilen, daß Deine Aktien gefallen sind, dass Du Dich tief verschuldet hast, dass Du vollkommen bankrott bist, und Du gehst in die Cantina und zwei Schlücke später ist Dir das alles egal." Läßt sich vielleicht sogar sagen, dass die Cantina ihre Besucher vervollkommnet? Geben wir dem unverwüstlichen José del Bosque das letzte Wort: "Ich bin absolut sicher, dass die Cantina den Mann spirituell erhebt und verfeinert. Wenn ich die Bücher der großen mexikanischen Schriftsteller oder Dichter lese, ist es ganz unbezweifelbar, dass die Cantina definitiv ihr Schaffen beeinflusst hat. Ich sehe meine hohen Ausgaben in einer Cantina nicht als Verlust, sondern als gute Geldanlage. Ich bin nämlich gerne gücklich." |
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