Stefan Wimmer
Die Karawane zieht weiter
"Weil es nun dem Demiurgen gelungen war, eine Welt
herzustellen, so unecht sie auch war, erklärte er: ›Ich
bin der Herr, und sonst gibt es keinen ...‹"
Benjamin Walker: Gnosis. Vom Wissen göttlicher Geheimnisse.
Statistiken des FBI lehren den interessierten Zeitgenossen: Mexiko ist Transitland Nr.1 für Kokain. Zirka 270 Tonnen Kokain schmuggeln die mexikanischen Kartelle für ihre Kollegen aus Kolumbien, Peru und Bolivien alljährlich über die Grenze in die USA. Das Handelsvolumen der mexikanischen Drogenbarone beläuft sich derzeit auf etwa 30 Milliarden US-Dollar im Jahr. Im Klartext: 10 Prozent des mexikanischen Bruttosozialprodukts entstammen dem Kokaintransfer und Kokainvertrieb.
   Diese Statistik könnte einen vermuten lassen, daß Mexiko City eine Oase für Freunde des Kokains sei und der Hunger nach Stoff dort zu jeder Tages- und Nachtzeit preisgünstig gestillt werden könne. Solche Vorstellungen sind falsch. Was in Mexiko City als Kokain zirkuliert, ist ein Konglomerat aus Fischmehl, Aspirin und Betablockern. Je nach Gusto der Dealer werden des weiteren verschiedene Mittelchen aus der Schatzkammer der Pharmazeutik beigemengt, um die Sekundäreffekte des echten Kokains - z.B. Zahnfleischtaubheit, Kaumotorik, Herzklopfen - hervorzurufen. Um die Mimikry abzurunden, sind die Klumpen manchmal sogar mit dem kokaintypischen Geruch nach Lösungsmittel ausgestattet. Dieser Geruch soll beim Konsumenten wehmütige Erinnerungen und eitle Hoffnungen wecken. Für Sekunden glaubt man dann, Indiofüße vor sich zu sehen, die in Dschungellaboren prächtige grüne Kokablätter mit Lösungsmittel zerstampfen, um aus der Paste das reine Molekül zu gewinnen. Aber natürlich dient auch der Geruch nach Lösungsmittel nur der Gaukelei. Wo nie Kokain enthalten war, gab es in keinem Augenblick etwas zu lösen oder zu trennen.
   Der Herstellungsprozeß der vermeintlichen Kokainklumpen - man kann ihn als Verkoster rasch ableiten - verläuft so: Zuerst werden die verschiedenen Ingredienzien aus Apotheken zusammengegaunert, dann in einem großen Maismörser zerstoßen, ausgiebig verquirlt und schließlich in einer alchemistischen Meisterleistung zu einem Endresultat versotten, das kristalline Rocks frisch aus dem kolumbianischen Hochland darstellen soll. Allerdings ergibt die Nasenprobe schnell: Man ist einmal mehr auf Fischmehl, Aspirin und Betablocker hereingefallen.
   Um diese Mogelpackungen überhaupt gedanklich fassen zu können, muß man als Konsument auf Konzepte der frühchristlichen Gnosis zurückgreifen: Inferiore Dämonen, überdrüssig der Anschauung Gottes und seiner Perfektion, haben demnach im Verlauf der Ewigkeit begonnen, die ursprüngliche Schöpfung nachzuäffen. Sie schufen eine endlose Reihe immer niedrigerer und lächerlicherer Sphärenwelten - den Abklatsch vom Abklatsch vom Abklatsch der Idealwelt. In der allerniedrigsten, allerlächerlichsten Sphärenkugel waren wir alle vereint: die mexikanischen Dealer, ihre Kokainkarikaturen und wir, die wir diese in unsere Nasenschleimhäute beförderten.
   Doch selbst an diese Imitationen, die milliardenfache Stufen von der Perfektion Gottes entfernt waren, kam man nur unter größten Schwierigkeiten und Gefahren heran. Wenn auch kaum ein Mexikaner aus der Hauptstadt jemals echtes Kokain zu Gesicht bekommen hatte, geizte jeder mit Informationen über die Herkunft seiner Päckchen, die dadurch den Hauch des Exklusiven bekamen. Es ging so geheimbündlerisch zu wie bei Rammstein: "Du hast - du hast - du hast mich gefragt, und ich hab nichts gesagt!" Dieser Schweigepflicht enthoben, darf ich jetzt die Wahrheit berichten: Die Wahrheit über die drei Jahre, in denen wir Sklaven des weißen Mogels waren.
Der erste Dealer, mit dem ich in Mexiko City Bekanntschaft machte, hieß Hans. Den heißen Tip hatten mir meine Bekannten Paulina und Mirna gegeben, die bei Hans regelmäßig einkauften. Hans war Deutscher und lebte irgendwo weit entfernt am Rande der Stadt, in der tristen, unauffälligen Peripherie von Nezahualcóyotl - mit anderen Worten: am Arsch der Welt, wo Dealer bekanntlich oft zu hausen pflegen. Paulina und Mirna glaubten, daß es besser sei, mich langsam und behutsam in den exklusiven Kreis um Hans einzuführen. Aber ich hielt mich für würdig, den Kontakt zu Hans ohne Vermittlung zu suchen. An einem Sonntagabend fuhr ich also mit dem Taxi zu Hans' Wohnung, die im Erdgeschoß einer Mietskasernensiedlung lag. Es war Regenzeit, und wie jeden Tag goß der Himmel hektoliterweise seinen schmutzigen Segen auf unsere Häupter herab. Mit hochgeschlagenem Mantelkragen, die Haare tropfnaß, betrat ich das Treppenhaus der Mietskaserne und gesellte mich zu den anderen Interessenten, die vor Hans' Parterrewohnung warteten. In der Mehrzahl waren es junge Mädchen, die wie Telenovela-Filmsternchen aussahen, alle dieselben Luderbrillen trugen und von Zeit zu Zeit affektiert in ihre Handys plapperten. Der Glamour, für den Hans zu bürgen schien, war praktisch mit den Händen zu greifen.
   Während ich mit den Mädchen im Hauseingang wartete, besah ich mir Hans' Wohnungstür, die trotz wiederholten Klingelns bislang niemand geöffnet hatte. Es war eine etwa ein Meter fünfzig hohe Holztür, die sich direkt unter der Treppe befand und an die Treppenschräge angepaßt war, so daß sie eher wie die Tür eines Hundezwingers wirkte. Einen Meter vor der Miniaturtür war ein schweres Gittertor angebracht, das bis zu den Stufen hochreichte und - wie ich vermutete - die Wohnung im Fall einer Razzia sichern sollte. An der Tür selbst prangte ein mit Blümchen verzierter TV-Aufkleber "Gut drauf ohne Drogen!" Hans war offenbar Zyniker.
   Plötzlich knarzte die Tür, und eine Türsteherin mit winzigen, stechenden Pupillen quetschte sich heraus. Sie taxierte durch das Gitter den Pulk, der vor ihr stand, lachte kurz und zeigte dabei zwei Reihen verplombter, schwarzer Zähne. Die Türsteherin machte einen äußerst unseriösen Eindruck - Diebstahl, Blutkonservenhandel oder Zeitarbeitsvermittlung hätte ich ihr zugetraut -, aber sie war hier offenbar die Instanz, mit der man sich gutstellen mußte.
   "Du! Du! Und du!", sagte sie und zeigte auf ein paar Mädchen. Für Sekunden öffnete sie das Eisengitter, und die Auserwählten zwängten sich durch den Spalt und schlüpften gebückt durch die Hundezwingertür in Hans' Wohnung. Andere Mädchen schnippten mit den Fingern.
   "Wir sind's! Bitte mach auf! Du kennst uns doch!"
   Die Türsteherin lachte und starrte über die Köpfe hinweg, bis ihr Blick auf mich fiel.
   "Und was willst d u hier?", fragte sie. "Haben wir uns irgendwann schon mal gesehen?"
   "Nein", stotterte ich, "bisher nicht, aber ..."
   "Hat dich jemand empfohlen?", fragte sie.
   Ich mußte kleinlaut verneinen. Sie öffnete wieder das Gatter, zog drei Auserwählte herein und grinste mich belustigt an.
   "Dann gibt's auch nichts", sagte sie.
   Donnerwetter!, dachte ich. Welche Ansammlung von reinem, guten Kokain mußte sich hinter dieser Tür verbergen, daß man es sich leisten konnte, einem finanzkräftigen, weltgewandten Mann in bestem Alter hier den Eintritt zu verwehren! Hans' Domizil war offenbar so etwas wie ein mexikanisches "Studio 54"! Aber wenn sie glaubten, ich fände mich mit dieser Schmach ab, hatten sie sich gewaltig geirrt!
   Ein paar Mädchen traten wieder aus der Wohnung und warfen mir einen triumphierenden, boshaften Blick zu. Andere Stammgäste kamen und wurden eingelassen, während ich wie ein begossener Pudel vor der Tür wartete. Jedesmal, wenn die Türsteherin ihr Öffnungsritual vollzog, herrschte sie mich an, ihr eine Zigarette zu geben. Ich kramte beflissen eine hervor, gab ihr Feuer und stand eine Sekunde später wieder vor verschlossenem Gitter. Bis ich das Vertrauen der Türsteherin erschlichen hatte, zog eine halbe Stunde ins Land. Sie hatte meine Zigarettenschachtel leergeraucht, als sie mich schließlich in Hans' Wohnung eintreten hieß. Was ich dort sah, hätte selbst Zapata den Sombrero vom Kopf geblasen.
   Hans' gesamte Wohnung stand zehn Zentimeter unter Wasser - offenbar war er Opfer eines Rohrbruchs. Menschen, die mit der Eleganz der Filmsternchen von zuvor nichts mehr zu tun hatten, wateten über Bretterstege von Zimmer zu Zimmer durch die Überflutung. In einem Wartesaal saßen einige Cracksüchtige an ihre Pfeife angenabelt. Einer der Gäste schlotterte vor sich hin und mußte von den Zimmergenossen in kurzen Abständen beruhigt werden. Die Türsteherin wies mir den Platz direkt neben dem Schlotternden zu. Lange saß ich neben dem Schlotternden, so lange, daß ich mich bereits wie in einer Arztpraxis fühlte. Sporadisch rissen mich die Zuckungen des Nebenmanns aus meinen Überlegungen, welche Wehleiden ich Hans, wenn er mich empfinge, klagen würde.
   Es waren weitere zwei Stunden vergangen, bis ich aufgerufen und über die Brettersteige einem Sprechzimmer zugeführt wurde, in dem Hans allein inmitten einer großen Pfütze hinter einem Tisch saß. Was vom Zimmerinventar nicht niet- und nagelfest war, hatte man auf zwei Schränken gestapelt, die an der Wand standen. Wie Hochwasserpegel zeigten die Schränke Spuren früherer, noch drastischerer Überschwemmungen. Hans - ein vollbärtiger Mittvierziger, der so ausgemergelt und mager wie Holger Meins am letzten Tag seines Hungerstreiks war - lehnte in einem Sessel und schien mit geschlossenen Augen auf innere Stimmen zu lauschen. Ich setzte mich ihm gegenüber auf einen Stuhl, und er öffnete mühsam die Augen.
   "Das Weiße ... oder das ... Braune?", flüsterte er und fixierte mich mit denselben mikroskopisch kleinen Pupillen, die ich schon bei seiner Vorzimmerdame gesehen hatte.
   "Das Weiße", sagte ich und hoffte, das Richtige getippt zu haben, obwohl ich nicht recht wußte, wovon er sprach.
   "Das Weiße!", stöhnte Hans wie unter Schmerzen auf. "Wieder das Weiße!" Es schien, als halte er das "Braune" dem "Weißen" für weit überlegen, ja als stünde das "Weiße" an und für sich unter seiner Würde.
   "Das Weiße!", beharrte ich und ahmte ein Kennergesicht nach. "Für mich immer nur das Weiße!"
   "Das Weiße ...", ächzte Hans und hievte sich aus dem Stuhl, "... ist im Augenblick sehr rar. Ich muß es suchen, das kostet Kraft!"
   Ich beobachtete, wie Hans zu einem Schrank wankte, die oberen Schubläden aufzog und nach "dem Weißen" suchte. Daß ich bald etwas sehr Rares, sehr Wertvolles und Reines in Händen halten würde, bestätigte mich, die richtige Wahl getroffen zu haben. Auch wenn alle Welt für das "Braune" votierte, ich wollte das konzentrierte "Weiße". Hans kehrte wieder an den Tisch zurück, legte mehrere Pappschachteln vor sich hin und öffnete sie. Die Pappschachteln waren voller Papierpäckchen, die Hans eingehend untersuchte, aber bald wieder in den Schachteln verstaute und zurück zum Schrank trug.
   "War das Weiße nicht dabei?", fragte ich unruhig.
   "Nein, das Weiße war nicht dabei", flüsterte Hans und öffnete erneut die Schubläden. Als ich Hans' ausgemergelte Skelettfigur mit feierlichen Bewegungen zwischen dem Schreibtisch und dem Schrank hin- und herpendeln sah, immer wieder neue Pappschachteln herantragend, diese examinierend, verwerfend und wieder verstauend, fiel mir die Schlagzeile der Münchner Abendzeitung ein, mit der diese vor vielen Jahren über den Drogenprozeß von Konstantin Wecker berichtet hatte:
   "Konstantin Wecker: Skelette trugen meinen Stoff davon!"
   Weckers Aussage war damals als Eingeständnis eines totalen Wirklichkeitsverlusts, einer extrem bedrohlichen, durch Drogenmangel hervorgerufenen Halluzination interpretiert worden. Ich hielt es im Augenblick für wahrscheinlicher, daß Konstantin Wecker in seinen schlimmen Zeiten mit Hans Bekanntschaft gemacht hatte.
   Schließlich war Hans fündig geworden. Er zog ein Päckchen aus einer Pappschachtel und hielt es mir vors Gesicht wie ein Mineral, das sonst nur auf fremden Planeten existiert.
   "Das Weiße!", flüsterte er und preßte mir das Päckchen in die Hand, wobei ich seine hornigen, schmutzigen Fingernägel in meinen Handballen dringen spürte. Ich dankte und legte das Geld auf den Tisch. Über das Ponton- und Brückensystem der Bretter gelangte ich wieder auf die Straße und begutachtete dort Hans' Päckchen, das wie ein Schrein das Juwel des "Weißen" enthielt. Es war pompös in mehrere Schichten von Hochglanzpapier und Zellophan eingewickelt, und der innerste Kern bot eine echte Überraschung: Hans' Stoff war von erstaunlicher, fast kristalliner Reinheit. Zu 99 Prozent, ohne irgendwelche Zusätze von Aspirin, Betablockern oder anderen Mittelchen, bestand er aus Fischmehl.
Nach diesem Desaster wandte ich mich an Gregorio um Hilfe.
   "Ich habe da eine hervorragende Connection", sagte Gregorio und klopfte mir auf die Schulter. "Es ist eine Dealerin, die nur Hausbesuche macht. Ich werde euch miteinander bekanntmachen. Sie trägt einen Code-Namen, den du wissen mußt, wenn du sie kontaktierst."
   Ich zitterte vor Aufregung, denn zweifellos würde ich meinen Stoff bald nur noch aus den Händen eines schwarzgelockten, verruchten Vamps beziehen, dessen Stiletto-Absätze sicher so lang wie der Lauf ihrer 45er Magnum waren.
   "Wie lautet ihr Codename?", rief ich. "Nina? Dolores? Inez? Spuck's aus!"
   "Nichts von alledem", sagte Gregorio. "Sie nennt sich La Abuelita, Das Großmütterchen. Seit Jahrzehnten beliefert sie nur Kunden, die absolut vertrauenswürdig sind."
   "Dann ruf sie an! Wir haben keine Zeit zu verlieren."
   Eine halbe Stunde später schrillte Gregorios Haustürklingel.
   "Da ist sie", sagte Gregorio. "Schnell und zuverlässig, wie man es von ihr gewohnt ist!"
   Er öffnete die Tür, und herein trat das Großmütterchen, eine uralte, verrunzelte Indianerin mit einem Putzfrauenkittel, durchgelaufenen Sandalen und grauen Haaren, die einem Misereor-Plakat entstiegen hätte sein können. Sie begrüßte uns mit einem Knicks, dann zwinkerte sie Gregorio und mir eine Minute lang mit den Augen zu, ohne daß bisher ein Satz gefallen war. Ich nahm an, daß dies dem Handel eine vertrauliche Basis geben sollte, mich erinnerte ihr Zwinkern jedoch an Kupplerinnen, die ihre syphilitischen Dirnen als "kerngesunde Mädels" anpreisen. Nach einigen freundlichen Galanterien übergab Gregorio dem Großmütterchen eine Geldsumme. Sofort griff sie tief unter ihren Schürzenrock und beförderte ein Päckchen ans Licht, das sie möglicherweise zwischen Eierstock und äußerem Muttermund versteckt hatte.
   "Immer gern zu Diensten", sagte das Großmütterchen und winkte zum Abschied mit seiner Gichtkralle. "Pflichten rufen mich, aber ich wünsche den Señores von Herzen eine unterhaltsame Nacht!"
   Nachdem sie verschwunden war, legten wir die Lines und zogen sie hoch.
   "Arrggghhh!", schrie ich und griff nach meiner verätzten Nase. "Das ist doch nie im Leben Kokain!"
   "Doch, doch", beteuerte Gregorio, dem vor Schmerz fast Tränen aus den Augen liefen. "Das Großmütterchen ist viel zu gutmütig, um uns zu betrügen."
   "Aber das, was da vor uns liegt, ist der allerletzte Dreck!"
   "Das kann nicht sein!"
   "Gut, wir machen die Probe aufs Exempel. Wir kochen das Zeug jetzt auf mit Bicarbonat, dann müßte sich sämtliches enthaltenes Kokain ablagern."
   "Einverstanden. Ich gehe jede Wette ein, daß die Reinheit von Großmütterchens Stoff bei über 50 Prozent liegt."
   Wir kippten die zwei Gramm zusammen mit Bicarbonat in einen Löffel und hielten ein Feuerzeug darunter. Gespannt beobachteten wir den Ausgang des Experiments: Zuerst verwandelte sich das angeblich 50-prozentige Kokain in eine blubbernde, schäumende Brühe, die nacheinander die Farben Schwefelgelb, Scharlachrot und Krötenbraun annahm. Dann begann der Löffelinhalt furchtbar zu zischen und zu qualmen. Bevor er schließlich explodierte, an die Wand spritzte und sich mit brutzelnden Geräuschen ins Mauerwerk fraß, war in den Schwaden kurz die Fratze Satans zu sehen.
Den nächsten Kaufversuch machte ich wieder auf eigene Faust. Es wurde gemunkelt, daß sich gewisse Taxifahrer im Viertel Ruhmreicher Sozialarbeiter als Drogenkuriere verdingten. Ich fuhr mit der Metro dorthin, bestieg beherzt ein Taxi und eröffnete dem Fahrer mein Anliegen. Der Taxifahrer nickte wissend. Er ließ den Motor an und fuhr eine Weile ziellos eine Straße mit schmutzigen Häuserruinen entlang, an denen Graffitis standen wie "Pachuco-36-Jungs, haltet Euch endlich an die Übereinkommen!" oder "Vatos, für die Nordachsen-Geschichte werdet ihr büßen!" Schließlich hielt er in einem stockdunklen Hinterhof und nahm sein Funksprechgerät:
   "Vázquez, kannst du mich hören? Vázquez?", sprach er in das Mikrophon. Aus der Sprechanlage dröhnten sekundenlang Interferenzgeräusche, dann hallte eine Stimme durchs Taxi, hohl und entrückt, als ob sie aus dem Jenseits zu sprechen schien.
   "Jaaa. Hieeer Vááázqueeez! Gebieeeten Sieee!"
   "Vázquez!", befahl der Taxifahrer, "Ich hab hier einen Engel im Taxi. Komm schnell vorbei. Blut-Christi-Straße, Ecke Kreuzigung."
   Noch mehr als die Straßennamen mißfiel mir dieser Code. Ein Engel - was sollte das denn Sinisteres bedeuten? Ich gab dem Taxifahrer meine Unruhe zu verstehen.
   "Señor, ich möchte sofort wissen, was ein Engel sein soll!"
   "Ach, nichts, nichts ... Nur keine Aufregung, alles läuft ganz nach Plan. Vázquez ist schon auf dem Weg."
   "Die ganze Sache gefällt mir nicht. Hier ist doch was faul."
   Der Taxifahrer griff wieder zum Funk.
   "Vázquez, der Engel will weiter. Wie schnell kannst du hier sein?"
   "Schneeell! Gaaanz schneeell!", hallte die Stimme. "Wie deeer Wiiind!"
   "Die Stimme Ihres Geschäftspartners klingt ja schauderhaft. Ich möchte aus dem Deal aussteigen!"
   "Ruhig Blut, Muchacho. Gleich gibt's was Feines, was Leckeres ... So eine Köstlichkeit hast du noch nie probiert! Da geht dir die Schädeldecke hoch!"
   Ich nahm all meinen Willen zusammen.
   "Hören Sie, ich habe meine Meinung geändert! Ich will nichts mehr kaufen. Ich muß heim, Mutter wartet."
   "Vázquez!", bellte der Taxifahrer in sein Funkgerät. "Komm schnell, der Engel will weg. Er geht uns durch die Lappen!"
   Ich riß die Tür auf, sprang aus dem Taxi und sprintete durch die Nacht davon, auch ohne Kokain schneller als Maradonna.
Wenige Tage, nachdem ich Vázquez und dem Taxifahrer entkommen war, tat sich eine neue Option auf. Der Kurator einer Galerie machte mich mit seinem Hausdealer bekannt. Er hieß Daniel, sammelte auf den Vernissagen des Künstlerviertels La Roma Bestellungen ein und brachte wie ein Pizzalieferant mit seinem Fahrrad binnen einer halben Stunde die gewünschten Mengen. Daniels Äußeres ließ sich so beschreiben: "Seine Augen sint geröthet und getrübet, verlustig allen Jugendglanzes. Sein Blick ist unstet, sein Antlitz eingefallen, seine Wangen bar der Röthe. Unkenntlich, verzerrt, affenähnlich ward seine Physiognomie, und die Gesichtszüge tragen eigenthümliche Verstörtheit. Seine Nase glänzt wie überfirnißt, seine Hohlhand schwitzt immer. Die geringste Arbeit macht seine Schenkel schlottern, und er zittert wie im Fieber." (Allgemeine Encyklopädie der Wissenschaften, 1832, Stichwort "Der Onanist")
   Daniels Ware entsprach in der Qualität seinem Äußeren, und oft beschwerten sich die belieferten Kunden, daß ihr Urin noch Tage nach der Einnahme wie Klärschlamm roch. Es blieb uns allen daher ein Rätsel, warum Daniel jedesmal selbst die Finger nach seinem schlechten Stoff ausstreckte. Kurz bevor er eine Lieferung zu übergeben hatte, schlich er sich gegen jegliche Gepflogenheiten aufs Klo, zweigte ein Drittel des Päckchens für sich ab und zerhämmerte den Rest, damit dieser nach mehr aussah. Damit war Daniel aber noch nicht zufriedengestellt. Meistens öffnete er das Päckchen erneut und schaufelte auch das zweite Drittel zu seinen Vorräten hinüber, um das Päckchen dann vor dem endgültigen Verlassen des Klos abermals an sich zu reißen und mit weiteren Raubzügen bis auf ein Minimum zu dezimieren. Das alles konnten wir zwar nicht beobachten, aber wie schon die Encyklopädie schrieb: "Sein langes Ausbleiben verräth die stumme, schreckliche Vergehung."
   Nachdem ich Daniels Stoff zweimal in den Mülleimer geschmissen hatte, weil ihn kein vernünftiger Mensch konsumieren konnte, ergab sich eine vertrackte Situation. Ich verliebte mich in eine Mexikanerin namens Maribel, die zuvor eine Nacht mit mir verbracht hatte. Um Maribel zu hofieren und sie für eine Partnerschaft zu gewinnen, lud ich sie zum Konzert des Buena Vista Social Clubs ein. Leider war mir jemand mit dieser Einladung zuvorgekommen: ihr Exfreund Gilbert aus Kalifornien, der offenbar erneut in ihr Leben treten wollte. Ich steckte also in einer Zwickmühle. Einen Rückzieher zu machen und das Konzert zu meiden, hätte Feigheit bedeutet. Das Konzert ohne die nötige Energie zu besuchen, hätte meinem Rivalen einen Vorteil verschafft. Es gab daher nur eine Möglichkeit: mich mit dem weißen Düsentrieb zu stärken, das Mädchen auf dem Parkett an mich zu reißen und mit ein paar gekonnten Swiffles, Pasitos, Peek-A-Boos und Charly-Variationen an meinem Nebenbuhler vorbei mit ihr in den Himmel zu tanzen.
   Am Tag vor dem Konzert rief ich Daniel zu mir:
   "Ich gebe dir eine letzte Chance", schärfte ich ihm ein. "Dein Zeug war immer ein grauenhafter Dreck, aber verlieren wir kein Wort mehr darüber! Ich brauche für das Buena-Vista-Konzert eine Lieferung. Diesmal muß der Stoff erstklassig sein. Ich zahle jeden Preis!"
   Daniel bemühte sich um ein grundehrliches Gesicht und nickte. Am folgenden Abend kam er bei mir vorbei.
   "Ich habe alle Hebel in Bewegung gesetzt", sagte er stolz und hielt mir ein Päckchen unter die Nase. "Es ist exzellent! Praktisch unverschnitten! Gestern habe ich es ein paar Kolumbianern zum Probieren gegeben. ›Phantastisch!‹, haben die Kolumbianer gesagt. ›Nicht ganz so phantastisch wie in unserer Stammdisco in Medellín, aber phantastisch!‹"
   Ich forschte in Daniels Gesicht nach der Wahrheit, und etwas in meinem Kopf übersetzte seine Worte mit:
   "›Total beschissen!‹, haben die Kolumbianer gesagt. ›Nicht ganz so beschissen wie im Folterknast von Bucaramanga, aber dennoch total beschissen.‹"
   Aber es war schon zu spät, um umzudisponieren. Ich riß Daniel das Zeug aus den Händen und raste in einem Taxi zum Tanzpalast Salón 21, wo das Konzert stattfand. Der Buena Vista Social Club hatte eben zu spielen begonnen, als ich durch die Eingangshalle eilte. Ich kämpfte mich durchs Gewühl der Gäste, die zu Dos Gardenias Para Tí Schieber tanzten, plazierte mich an der Bar und bestellte mit einem schnellen Wink einen Cuba Libre. Bald entdeckte ich meine zwei Turteltäubchen zwischen den Tänzern. Gilbert war ein übergewichtiger Schmusebär mit Vollbart, der aussah, als lebe er von Silicon-Valley-Aktien. Von Rumbas, Sones und Boleros verstand er wenig, tapsig und schwerfällig folgte er jedem Schritt, den Maribel vorgab. Doch trotz seiner mangelnden Tanzkünste waren die beiden ineinander verschlungen wie der Reproduktionsknoten eines Anaconda-Pärchens.
   "Aber jetzt", lachte ich in mich hinein, "zücke ich die Wunderwaffe, die den Knoten zerhaut."
   Ich ging aufs Klo, verriegelte die Tür und sog mir die Hälfte von Daniels Stoff in die Nase. Zurück an der Bar wartete ich auf den Effekt der Macht, der mich jeden Augenblick durchfluten mußte. Nach 15 Minuten spürte ich die ersten Wirkungen. Meine Arme und Beine begannen zu britzeln, die Adern verengten sich auf die Dicke eines Bindfadens, und mein Körper wurde eiskalt. Blut zirkulierte nur noch in meinem Torso, von der Leistengegend bis zum Zeh und von den Schultern bis zu den Fingerspitzen machte sich Leichenstarre breit. Ich klammerte mich an den Tresen, um nicht zusammenzusacken, und versuchte unter den befremdeten Blicken des Barkeepers, meinen Extremitäten durch Reiben, Kneten und Gegen-das-Tresenholz-Schlagen Leben einzuhauchen. Das Konzert ging zu Ende, und wie ein Scheintoter, den man an der Bar zwischengelagert hatte, mußte ich mitansehen, wie Gilbert lachend das Mädchen unterhakte und mit ihr in Richtung Ausgang trippelte. Ich versuchte, ihnen nachzueilen, um irgend etwas gegen Gilberts Sieg zu unternehmen, aber genauso gut hätte ich den beiden auch Rubén González (†) hinterherschicken können, der beim Konzert eine halbe Stunde gebraucht hatte, um vom Piano zum Bühnenrand zu kommen, wo er für diese Leistung mit stehenden Ovationen belohnt worden war.
"Wir suchen an den völlig falschen Orten nach Kokain", platzte Frazetti eine Woche später heraus. "Es ist doch sonnenklar, daß ein Dealer nur so gut wie seine Kundschaft ist. Von Künstlern, Ravern und Medienidioten befürchtet kein Dealer Racheakte, also bescheißt er sie nach Strich und Faden."
   "Da ist was Wahres dran", sagte ich. "Aber was schlägst als Alternative vor?"
   Frazetti senkte seine Stimme, bis sie nur noch ein unheilvolles Murmeln war:
   "Wir müssen in einem Viertel einkaufen, wo die soziale Situation so miserabel, die Stimmung so angespannt und das Zusammenleben so vertiert ist, daß jeder bei der geringsten Übervorteilung zur Waffe greift. Dort wird das richtig gute Zeug verkauft, weil sich niemand traut, den anderen zu bescheißen!"
   Damit begannen unsere letzten Expeditionen: die Touren in die Delegación Álvaro Obregón, einem Bezirk, der auf keinem Stadtplan mehr verzeichnet war. Er befand sich in einer Schlucht hinter dem westlichen Periférico-Ring, ließ sich nur auf Lehmpfaden betreten und tauchte in den Zeitungen regelmäßig als Schauplatz bestialischer Verbrechen auf. Frazetti kannte dort einen Dealer namens Ismael, den wir jede Woche in seiner Lehmbaracke aufspüren mußten. Diese Situation ließ sich am besten mit der Filmszene Ben Hur in der Lepragrube wiedergeben:
(Ben Hur und Frazetti nähern sich der Lepragrube.)
Frazetti: Juda Ben Hur, bei Gott! Bist du sicher, daß du ihn sehen willst?
Ben Hur: Ja. Ich habe Jahre auf diesen Moment gewartet!
(Ein Wachposten hastet in die entgegengesetzte Richtung davon.)
Ben Hur: Wartet, Herr! Gibt es einen Weg in dieses Tal?
Wachposten: Seid ihr von Sinnen? Es ist das Tal der Aussätzigen! Macht, daß ihr verschwindet!
(Ben Hur und Frazetti starren in den Abgrund.)
Frazetti: Wir hätten niemals herkommen dürfen!
Ben Hur (wirft sich schluchzend dem Tal entgegen): Aber wir müssen zu ihm!
Frazetti (hält Ben Hur zurück): Gut, es sei! Wir werden ihn suchen.
(Sie stolpern hinab. Höhlengewirr. Erster Aussätziger rafft blitzschnell seine Lumpen vors Gesicht.)
Frazetti: Der da kann uns vielleicht helfen.
Ben Hur: Verzeiht, kennt Ihr einen Mann namens Ismael?
Erster Aussätziger (düster): In diesem Tal gibt es viele Männer. Aber keiner trägt mehr einen Namen.
(Blitzschlag, Donner. Aussätzige mit schrecklichen Gebresten humpeln aus ihren Höhlen hervor und umzingeln Ben Hur und Frazetti.)
Ben Hur (wimmernd): Wir bitten dich, führ uns zu Ismael!
Frazetti: Wir geben dir Gold, viel Gold!
Erster Aussätziger: Gut, ich bringe euch zu ihm. Aber versprecht mir eines: Seht Ismael nicht an! Liebt ihn so, wie er eurer Liebe am meisten bedarf! Haltet ihn im Gedächtnis, wie er früher einmal war! Und habt vor allem Nachsicht mit dem, was er liefert!
(Der Belagerungsring macht Platz für eine vermummte, unvorstellbar verdreckte Lumpengestalt, die mit ihrer Hand in den Pestbandagen herumfummelt.)
Ismael (dröhnend): Juda Ben Hur, bei Gott! Keinen Schritt weiter! Kommt nicht näher! Wieviel Gramm Fischmehl, ähhh Koks, wollt ihr diesmal kaufen?
So verliefen die Jahre, in denen uns der weiße Stoff in seinen Klauen hielt. Es war eine Zeit, in der man still vor sich hinweinen mußte, wenn man sich seine Situation vor Augen hielt. Es war eine Zeit des Schmerzes, in der man sich Betreuung durch die Firma TrauerHilfe Denk gewünscht hätte. So manche müßige Stunde diskutierten wir im Centenario, welcher Dealer nun der Schlimmste war: vielleicht Hans, dessen überflutetes Grabensystem sich nur mit den Schrecken von Verdun vergleichen ließ? Oder trug Daniel mit seinen letalen Pülverchen den Siegeskranz davon? Oder war es doch Das Großmütterchen, die mit ihren Illusionskünsten und dem David-Copperfield-Rauchzauber alles in den Schatten stellte? Es ließ sich einfach nicht entscheiden, und schließlich gaben wir diese Vergleiche auf - gemäß der Warnung: "Wer es unternimmt, im Gnostizismus auch nur eine Konkordanz der Namen zu erstellen, steht mit einem Bein schon im Irrenhaus" (G.R.S. Mead: Fragmente eines verschollenen Glaubens).
Sicher war jedoch eins. Während all der Jahre schmuggelten die mexikanischen Kartelle täglich fast eine dreiviertel Tonne Kokain durchs Land. Der ungestreckte Stoff wanderte in die USA, wo er viermal soviel wert war. Nach Mexiko City gelangte kein Gramm. Wir wußten, es ziehen Karawanen an uns vorbei, die reines, glitzerndes Kokain im Wert von 30 Milliarden US-Dollar mit sich führten. Irgendwo, durch die Wüsten Sonoras, über die verschneiten Wipfel Chihuahuas, auf den Flußläufen Sinaloas, entlang den Traumstränden Yucatáns zogen die Karawanen. Doch wir Hunde mochten noch soviel bellen, die Karawane zog weiter.
(Aus: Die 120 Tage von Tulúm.)
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